Weil heute zählt: Warum wir mit unserer eigenen Geschichte beginnen

22. Juli 2026

Am 23. Juli beginnt die dritte Staffel von „Sterben & Trauern". Und wir fangen diesmal nicht mit einem Gast an. Wir beginnen mit uns selbst .

Das war keine einfache Entscheidung. Nicht weil wir uns scheuen würden, persönlich zu werden – das tun wir seit drei Jahren. Sondern weil es einen Unterschied macht, ob man über die Erfahrungen anderer spricht oder über die eigenen. Wir haben es trotzdem getan. Und es ist aus unserer Sicht das richtige erste Gespräch für diese Staffel.

Was diese Staffel anders macht

Die dritte Staffel heißt „Trau dich, hinzuschauen – 10 Mutmacher für ein bewussteres Leben mit dem Tod". Wir liefern weder Ratschläge noch Rezepte. Sondern zehn Impulse, die helfen können, mit dem Wissen um die eigene Endlichkeit bewusster zu leben.

Aber bevor unsere Gäste zu Wort kommen, sprechen wir miteinander: Lea und Michael, Vater und Tochter. Über unsere Familiengeschichte. Über frühe Begegnungen mit dem Tod. Und darüber, was diese Erfahrungen aus uns gemacht haben – und noch immer machen.

Nicht, weil wir unsere Geschichte für wichtiger hielten als die unserer Gäste. Sondern weil dieses Thema vor allem eines ist: sehr persönlich. Und wer andere einlädt, sich damit auseinanderzusetzen, sollte selbst auch bereit sein hinzuschauen.

Die Todesangst kam früh in unsere Familie

Lea war noch ein Kind, als ihre Mutter – meine Frau – eine schwere Krebsdiagnose bekam. Sie war 37. Nur noch drei Jahre zu leben, lautete die demoralisierende Prognose. Wir haben damals viel geweint, meistens heimlich. Wir wollten die Kinder nicht zusätzlich beunruhigen.

Lea sagt heute, fast drei Jahrzehnte später: „Ich bin dankbar, dass Mama noch lebt und ihr uns nichts vorgespielt habt." Das berührt mich jedes Mal, wenn ich es höre. Denn wir hatten in diesem Moment keine Anleitung, wie wir mit dieser Herausforderung umgehen sollen. Wir haben einfach versucht, ehrlich zu sein.

Meine Eltern, Leas Großeltern, sind mit dem Thema anders umgegangen. Bei ihnen spielten Tod und Krankheit kaum eine Rolle. Wenn Verwandte starben, wurde geschwiegen. Das war ihr Weg, sich zu schützen – und das ist in Ordnung. Aber es hatte Folgen: Vieles blieb unausgesprochen. Es schwebte in der Luft, ohne dass man es berühren konnte.

Das Zugunglück, das uns nie ganz losgelassen hat

Ostern 1993. Wir saßen als Familie im Zug Richtung Frankfurt. Kurz hinter Berlin-Wannsee krachte unser Zug frontal in einen entgegenkommenden Personenzug. Es war eines der schwersten Zugunglücke in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Was wenige wissen: Wir saßen nicht in unserem reservierten Abteil. Auf dem Weg dorthin hatten wir vier freie Plätze gesehen und uns spontan dort niedergelassen. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass unser reserviertes Abteil beim Aufprall mit am schlimmsten getroffen wurde.

Lea sagt: „So ein Unglück lässt einen nie wieder ganz los." Sie hat recht. Und ich ergänze: Es verändert etwas. Du weißt ab diesem Zeitpunkt, dass du noch so vorsichtig sein kannst – ein Moment reicht, alles über den Haufen zu werfen.

Was daraus entstanden ist? Nicht Angst, sondern eine andere Art von Klarheit. Es geht nicht darum, den Tod permanent vor Augen zu haben. Es geht darum, ihn nicht so weit wegzuschieben, dass man das Leben verpasst.

Als Leas Herz aufhörte zu schlagen

Das Persönlichste in diesem Gespräch kommt von Lea. Und ich weiß, dass es ihr nicht leichtgefallen ist, es zu erzählen.

Bei der Geburt ihrer Tochter – heute knapp vier Jahre alt, meine Enkelin – hörte Leas Herz kurz auf zu schlagen. Das Team im OP hat sie reanimiert.

Was Lea unmittelbar vor dem Eingriff getan hatte, hat mich sehr bewegt. Sie hatte gedacht: Natürlich kann es zu Komplikationen kommen. Also hat sie etwas aufgeschrieben. Alles, was ihre Familie wissen sollte, wenn sie nicht mehr da wäre. Ihre Wünsche. Was ihr wichtig ist. Wo sie begraben sein möchte.

Heute versucht sie, weniger aufzuschieben. Sagt den Menschen, die ihr nah sind, öfter, wie sehr sie sie liebt. Verbringt ihre Zeit bewusster.

Das klingt einfach. Wir wissen aus Erfahrung: Es ist alles andere als das.

Wir müssen nicht perfekt sein

Das ist vielleicht der wichtigste Satz dieses Gesprächs. Er klingt im ersten Moment abgegriffen, wir wissen das. Aber er trifft den Kern.

Wir brauchen keine fertigen Sätze, wenn jemand stirbt oder trauert. Keine großen Antworten. Es reicht oft, nur da zu sein.

Was uns beiden in drei Jahren immer wieder begegnet ist: Menschen weichen aus, nicht aus Bosheit, sondern aus Unsicherheit. Trauernde erzählen uns, dass Freundinnen plötzlich nicht mehr anrufen. Dass Kolleginnen im Flur den Blick abwenden. Dass das Schweigen manchmal schwerer wiegt als der Verlust selbst.

Und das Tragische daran ist: Diejenigen, die ausweichen, möchten oft eigentlich helfen. Sie wissen nur nicht wie.

Genau für diese Menschen – und für alle, die sich selbst in dieser Situation erkennen – machen wir diesen Podcast. Und unser drittes Buch.

Was diese Staffel euch mitgeben soll

Zehn Mutmacher-Impulse. Zehn Gespräche mit Menschen, die uns gezeigt haben, dass es möglich ist, mit der Endlichkeit zu leben, ohne sie zu verdrängen.

Kein Versprechen, dass danach alles leichter wird. Aber die Überzeugung, die uns beide trägt: Wer anfängt, über den Tod zu reden, verändert die Art, wie er lebt. Bewusster. Achtsamer. Empathischer.

Natürlich wird nicht jedes Gespräch letztgültige Antworten geben können. Aber vielleicht kann jedes etwas öffnen. Einen Gedanken, eine Erinnerung, eine Frage. Oder einfach das Gefühl: Ich bin damit nicht allein.