Was wirklich wichtig ist: Henning Scherf über den Tod seiner Frau und 70 Jahre Liebe
06. August 2026
Wir sitzen in einem Bremer Wohnzimmer mit Holzboden, einem Teppich und warmem Licht – und in der Ecke des Raumes steht ein Flügel, der nicht irgendeiner ist. Luise Scherf hat ihn vor Jahrzehnten mitgebracht, als Frau an Henning Scherfs Seite. An ihm hat sie geübt, Brahms-Walzer zu vier Händen gespielt, manchmal gemeinsam mit Henning Scherf. Er gesteht, nicht alles gekonnt zu haben, aber sie war großzügig und hat seine Fehler überspielt.
Luise Scherf ist im Dezember 2025 gestorben. Als wir anfangen zu mit Hennig zu sprechen, merken wir schnell, dass hier nicht der ehemalige Bürgermeister spricht, sondern ein Mensch, dem das Sterben und das Weiterleben sehr nahegekommen sind – zum ersten Mal, sagt er, „wirklich nahe“.
Mehr als tausend Vorträge. Und trotzdem.
Henning Scherf hat über das Sterben geschrieben, geredet und politisch gehandelt, mehr als tausend Vorträge über das Thema gehalten, Säle gefüllt, Bücher veröffentlicht und dafür gesorgt, dass Menschen in Bremen nicht mehr gezwungen sind, auf einem Friedhof beerdigt zu werden. Unter strengen Auflagen darf die Asche eines Verstorbenen auf einem privaten Grundstück verstreut werden. Henning Scherf hat sich also vorbereitet - so gut es geht. Und dann ist Luise gestorben, und er sagt:
„Viele Reden und das Schreiben darüber hat mich trotzdem zu einem Teil schutzlos gemacht, als das mit Luise passierte. Es ist, wie wenn die Hälfte meines Körpers, meiner Biografie, meines Lebenswerkes – abgetrennt wurde."
Rund 70 Jahre waren er und Luise zusammen, mit 17 haben sie sich kennengelernt. Er hat sie auf der Straße gesehen – beide waren Schulsprecher – und wusste sofort: Das ist sie! Wir hören gerührt zu und denken beide dasselbe, ohne es auszusprechen: Wenn der Tod unmittelbar bei der eigenen Familie an die Tür klopft, ist man trotz aller Vorbereitung weitgehend schutzlos.
Die Großmutter, die das alles angefangen hat
Henning erzählt von seiner Kindheit: sechs Kinder, der Vater im Krieg, die Mutter krank, und eine Großmutter, klein, zart und unverzagt, die sie alle durch die Kriegsjahre gebracht hat. Er war 15, als sie starb, er hatte sie im Arm, und ihre letzten Worte an die Kinder um sie herum waren:
„Die schönste Zeit meines Lebens war mit euch."
Dieser Satz, sagt Henning, hat ihn nie losgelassen und ihn zu dem gemacht, was er ist. Wir merken in diesem Moment, dass das kein Zitat aus einem Vortrag ist, sondern der Kern von allem.
Das Haus in Bremen – und was es jetzt trägt
1987 haben Henning und Luise mit befreundeten Paaren eine Wohngemeinschaft mitten in Bremen gegründet. Sie wollten im Alter nicht einsam sein, nicht in ein Heim, sondern gemeinsam in ihrem privaten Umfeld alt werden, füreinander sorgen und füreinander da sein. Heute, ein halbes Jahr nach Luises Tod, ist es genau diese Hausgemeinschaft, die ihn trägt.
Als Luise gestorben war – morgens, in dem Bett, in dem Henning jetzt schläft –, haben sie die Tote aufgebahrt. Zwei Tage und zwei Nächte blieb sie in der Wohnung. Das ganze Haus hat sich versammelt, die Pfarrerin hat sie ausgesegnet, und einer der Mitbewohner, der mit der Kirche nichts am Hut hat, weinte.
400 Menschen kamen zur Trauerfeier in die Stephani-Kirche. Henning hat alle persönlich an der Tür begrüßt – seine Kinder wollten das nicht, aber er bestand darauf –, und dann hat er mit allen den Canon und das Dona Nobis Pacem gesungen und selbst die Einsätze dirigiert. Ohne Tränen, wie er sagt, weil es nicht nur eine Trauerfeier war, sondern auch ein Fest.
Was wirklich hilft – und was nicht
Lea fragt ihn: Was hat dich getragen in dieser Zeit, und was hat gar nicht geholfen? Henning überlegt nicht lange. Geholfen hat die menschliche Nähe, die drei Kinder rufen jeden Tag an, egal von wo, und seine älteste Enkeltochter Emma ist in der Nacht nach Luises Tod zu ihm ins Bett gekrochen, während neben ihm ihre Großmutter tot dalag – einfach, um ihm nah zu sein.
„Hatte sie keine Scheu gehabt", fragt Lea leise, und Henning antwortet: „Nein."
Nicht geholfen hat etwas, das gut gemeint war: Manche haben ihm gesagt, es sei sein Verdienst gewesen, dass Luise so wirksam in die Gesellschaft hinein war. Henning findet das – freundlich formuliert – ziemlich daneben.
„Es war eher andersrum."
Was er sich für seine eigene Trauerfeier wünscht
Wir sitzen vor ihrem Flügel und sagen eine Weile nichts. Dann erzählt er, dass er sich für seinen Abschied Bach wünscht. Er nennt ihn den fünften Evangelisten, weil er mit Musik gepredigt habe. Und er wünscht sich, dass die Menschen, die bei seiner Trauerfeier sitzen werden, nach Hause gehen und sagen:
„Der hat seine Hoffnung nie aufgegeben, der ist bis zuletzt neugierig geblieben, der hat Leute zusammengebracht und nicht gegenseitig aufgehetzt."
Und nicht: etwa, was für ein erfolgreicher Politiker er gewesen sei. Viel passender findet er: Dieser Mensch hat versucht, andere zu verstehen – auch die, die anderer Meinung waren. Das, sagt er, wäre das Schönste.
Mutmacher Nr. 1: Finde raus, was dir wichtig ist
Henning Scherf wusste es früh – Familie, Gemeinschaft, Neugier, Musik und Luise – und er hat danach gelebt, konsequenter vielleicht als die meisten. Er hat eine Wohngemeinschaft gegründet, als das noch niemand tat, hat sich Zeit genommen für die Menschen um ihn herum und politisch für das gesorgt, was ihm wichtig schien. Und jetzt, mit 87 Jahren, sagt er auf die Frage, was er heute nicht mehr sucht:
„Öffentlichen Erfolg. Öffentliche Resonanz. Recht zu behalten. Das ist mir alles nicht mehr wichtig."
Was dann noch zählt? Die Enkelin, die aus Berlin zu ihm ziehen will. Die Gespräche am Morgen. Und der Flügel.
Das Gespräch mit Henning Scherf ist Folge 1 von Staffel 3 unseres Podcasts „Sterben & Trauern – Trau dich, hinzusehen".