„Scheiße" – das Lieblingswort von Sterbenskranken

25. Juni 2026 | von Lea Reinhard

Es gibt einen Satz im Gespräch mit Palliativpsychologe Ernst Engelke, der uns seitdem nicht mehr losgelassen hat.

Er beschreibt, wie er Sterbenskranke erlebt – ganz konkret, was er hört, wenn er an ihrem Bett sitzt. Herzrasen. Schwitzen. Zittern. Atemnot. Menschen, die sich anklammern. Die laut klagen: „Ich will nicht sterben!" Oder: „Der Krebs erstickt mich."

Und dann sagt er diesen einen Satz: „Das Lieblingswort von Sterbenskranken ist übrigens Scheiße."

Warum dieses Wort?

Wer das zum ersten Mal hört, denkt vielleicht: Wie kann das sein? Ist das nicht respektlos – gegenüber dem Sterben, gegenüber dem Tod?

Nein. Es ist das Gegenteil.

Ernst Engelke, einer der erfahrensten Palliativpsychologen im deutschsprachigen Raum, hat diesen Satz nicht beiläufig gesagt. Er beschreibt damit etwas Grundlegendes: Die absolute Ehrlichkeit des Sterbens. Die Wucht einer existenziellen Zumutung, die kein schönes Wort fassen kann.

„Scheiße" ist keine Gotteslästerung. Es ist Sprache unter äußerstem Druck. Es ist das, was bleibt, wenn alle anderen Worte versagen.

Ein Mann, der alles wusste – und trotzdem

Ernst erzählt in unserem Buch „Sterben ungeschminkt“ von einem Arzt, 62 Jahre alt. Internist und Palliativmediziner. Ein sehr gebildeter Mensch, der neben seiner Klinikarbeit noch Philosophie und Theologie studiert hatte. Sich sogar über Todesvorstellungen habilitiert hatte.

Und als er selbst auf der Palliativstation lag, mit einer tödlichen Krankheit, kurz vor seinem Tod, sagte er:

„Am Ende bleibt nur noch Scheißen und Kotzen. Da hilft keine Philosophie, und da hilft auch keine Theologie."

Lea kommentiert das im Gespräch so: „Unmissverständlicher und illusionsloser kann man es wohl nicht auf den Punkt bringen."

Michael fügt hinzu: „Diese Aussage ist brutal und ernüchternd. Der sicher von vielen erhoffte ‚schöne Tod' ist in der Regel wohl eine Illusion."

Dieser Mann hatte sein Leben dem Nachdenken über den Tod gewidmet. Er kannte jede Theorie, jede Philosophie, jeden Trost. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – landete er an einem Ort, dem keine Sprache gerecht wird. Außer diese eine Wort.

Was das für alle bedeutet, die begleiten

Ernst Engelke sagt etwas, das uns beide tief beeindruckt hat.

Lea fragt ihn: „Wie reagierst du darauf, wenn Sterbenskranke so sprechen?"

Seine Antwort: „Ich stimme zu. Sie haben ein Recht, so zu sprechen. Ich habe kein Recht, dagegen zu reden."

Kein Recht dagegen zu reden. Das ist ein unglaublich kluger Satz.

Wir sind es gewohnt, zu beruhigen. Zu mildern. Zu sagen: „Das wird schon." Oder: „Bleib stark." Oder einfach schnell das Thema zu wechseln, weil das Aushalten zu schwer ist. Ernst Engelke nennt dies das Verhalten der „Schachspieler" – der Gesunden, die nach ihren eigenen Regeln spielen, während die Sterbenden ihr ganz anderes Brettspiel spielen – nämlich Dame.

Er sagt: Sterbenskranke Menschen haben das Recht, laut zu werden, zu schreien, zu protestieren – also unruhig zu sein. „Sie haben keine Pflicht zur Ruhe."

Das ist das genaue Gegenteil von dem, was viele von uns verinnerlicht haben. Und vielleicht ist es das, was wirkliche Begleitung ausmacht: nicht die Klage wegzureden, sondern dazubleiben, wenn sie kommt.

Das Gleichgewicht von Angst und Hoffnung

Ernst Engelke beschreibt das Innenleben von Sterbenskranken mit einem Bild, das uns seither begleitet: Angst und Hoffnung sind immer beide gleichzeitig da. Es gibt nicht das eine ohne das andere.

Wenn die Angst sehr groß wird, dass ich sterben muss, dann wächst die Hoffnung – manchmal in scheinbar unmögliche Dimensionen. Jemand, der nur noch wenige Tage zu leben hat, möchte auf einmal noch ein Haus bauen. Eine 40-jährige Patientin mit Mammakarzinom möchte noch ein Kind haben.

Das ist kein Wahn. Das ist Hoffnung. Das ist der Versuch, das Gleichgewicht zu halten.

Und „Scheiße" ist vielleicht das ehrlichste Wort für den Moment, in dem dieses Gleichgewicht gerade kippt.

Was wir daraus mitnehmen

Sterben ist, nach allem was Ernst Engelke in Jahrzehnten an Krankenbetten gelernt hat, für jeden eine „unglaubliche existenzielle Zumutung". Auch für diejenigen, die sich ein Leben lang damit beschäftigt haben.

Und das bedeutet: Wer zu einem sterbenden Menschen „Scheiße" sagt – anstatt ihn zu beruhigen –, ist vielleicht näher dran an dem, was der dieser gerade wirklich braucht. Nicht Kontrolle. Nicht Trost. Nicht Theologie.

Sondern jemanden, der es an seiner Seite aushält.

Der Text basiert auf dem ersten Kapitel unseres Buches „Sterben ungeschminkt" (Herder Verlag), entstanden im Gespräch mit Palliativpsychologe Prof. Dr. Ernst Engelke.